Über mehr als zwei Jahrzehnte entwickelte sich ZIGGY X zum Pionier der Hard-Dance-Szene – als DJ, Produzent und heute auch als Gründer seines Labels ONLY THE RAVE. Im Gespräch mit Ravepedia spricht er über seinen Weg durch verschiedene Generationen der elektronischen Musik, die Philosophie hinter seinem Label, echte Freundschaften in der Szene und den Moment, in dem er seine Karriere beinahe beendet hätte. Ein Interview über Leidenschaft, Zusammenhalt und die Überzeugung, dass Glück zwar dazugehört – man es sich aber auch erarbeiten kann.
Ravepedia:
Du begleitest die Hard-Dance-Szene jetzt schon seit Jahrzehnten – als DJ, Produzent und mittlerweile auch als Labelinhaber von ONLY THE RAVE, das es seit etwas mehr als einem Jahr gibt. Wenn du auf deinen bisherigen Weg zurückblickst: Was hat sich an ZIGGY X verändert und was ist bis heute genau gleichgeblieben?
ZIGGY X:
Eigentlich hat sich ZIGGY X gar nicht verändert – außer, dass ich heute wahrscheinlich noch mehr Energie habe als vor 20 Jahren.
Charakterlich bin ich genau derselbe geblieben. Da hat sich wirklich nichts verändert.
Und musikalisch eigentlich auch nicht. Hard Dance ist für mich heute das, was früher Hands Up war – nur moderner. Wobei ich auch damals schon eher zu den härteren Artists gehört habe. Also selbst musikalisch hat sich gar nicht so viel verändert.
Ich bin immer noch derselbe „Vollpfosten“ wie früher.
„Ich möchte den Artists einen echten Mehrwert bieten.“
Ravepedia:
Kommen wir zu deinem Label ONLY THE RAVE, das dir persönlich sehr am Herzen liegt. Von außen wirkt es gar nicht wie ein klassisches Musiklabel. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass du eine Plattform schaffen möchtest, auf der Künstlerinnen und Künstler wachsen können. Was war deine persönliche Vision hinter ONLY THE RAVE und was möchtest du jungen Artists mitgeben, was dir selbst früher vielleicht gefehlt hat?
ZIGGY X:
Die Idee für das Label gab es eigentlich schon länger. Am Ende waren es aber vor allem die Menschen um mich herum, die mich dazu gebracht haben, den Schritt wirklich zu gehen. Meine Freundin war tatsächlich die Erste, die die Idee hatte.
Dann stellt man sich natürlich die Frage: Wie macht man das? Labels gibt es schließlich wie Sand am Meer. Heute kann jeder selbst Musik veröffentlichen. Ob das am Ende etwas bringt, ist eine andere Frage. Viele wollen damit Geld verdienen – was ja auch völlig legitim ist.
Aber genau das, was du in deiner Frage angesprochen hast, war meine eigentliche Vision: Ich möchte eine Plattform bieten.
Viele Artists denken, sie schaffen alles alleine. Bei der riesigen Masse an Musik und Künstlern ist es aber unglaublich schwer, überhaupt sichtbar zu werden. Dafür braucht es Zeit, Einsatz und auch ein gewisses Investment.
Das Logo von ONLY THE RAVE zeigt einen High-Five-Smiley. Genau dafür steht das Label auch. Ein High Five bedeutet für mich: „Guter Job – wir schaffen das gemeinsam.“
Ich muss dabei immer an Top Gun denken – an Tom Cruise und seinen Co-Piloten. Dieses Teamgefühl, dieses gemeinsame Anpacken – genau das möchte ich mit meinem Team auch den Artists vermitteln. Natürlich nur, wenn sie das möchten. Niemand wird dazu gezwungen. Viele gehen ihren eigenen Weg, und das ist völlig in Ordnung. Aber wer mit uns arbeitet, bekommt eben mehr als nur einen Release.
Wir haben zum Beispiel jemanden im Team, der sich intensiv mit Social Media beschäftigt und Tipps geben kann, wie man seine eigenen Kanäle aufbaut. Bei Produktionen gebe ich ebenfalls Feedback und sage auch mal: „Die Nummer ist cool, aber schau dir den Part noch einmal an.“ Die Artists bekommen also einen echten Mehrwert und profitieren von den Erfahrungen, die wir gesammelt haben.
Am Ende ist mir aber vor allem wichtig, dass wir Musik veröffentlichen, hinter der mein Team und ich zu hundert Prozent stehen. Sie muss auf der Bühne funktionieren, darf natürlich auch auf Spotify gut laufen – aber in erster Linie soll sie den Menschen einfach eine richtig gute Zeit bescheren.
Ravepedia:
Was muss ein Künstler oder eine Künstlerin mitbringen, um Teil von ONLY THE RAVE zu werden?
ZIGGY X:
Exklusivverträge gibt es bei mir grundsätzlich nicht. Das macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Wenn jemand zwischendurch auch bei einem anderen Label veröffentlicht, ist das überhaupt kein Problem.
Wir haben bei Spotify inzwischen sechs Playlists und gerade die ONLY THE RAVE-Playlist entwickelt sich für ihre Größe richtig gut. Das Schönste daran ist, dass die Leute immer wieder zurückkommen und sie regelmäßig hören. Das zeigt mir, dass der Sound authentisch ist und die Menschen verstehen, wofür ONLY THE RAVE steht. Darin sind übrigens nicht nur unsere eigenen Releases zu finden. Da tauchen auch Tracks von sämtlichen andren Labels die die harder Styles releasen auf. Entscheidend ist, dass sie dem Namen gerecht werden.
Wenn uns jemand ein Demo schickt, sollte er sich vorher unbedingt anhören, wofür ONLY THE RAVE überhaupt steht. Klingt der Track konkurrenzfähig? Wenn nicht, hat am Ende niemand etwas davon. Und das kommunizieren wir auch ganz ehrlich.
Wer möchte, bekommt von uns ausführliches Feedback. Wir verschicken keine Standardabsagen nach dem Motto: „Passt leider nicht.“ Wenn sich jemand wirklich Mühe gibt, nehmen wir uns auch die Zeit, konstruktiv zu erklären, woran es noch fehlt. Jeder soll seine Chance bekommen. Aber dafür muss man auch selbst etwas investieren.
Glück gehört natürlich immer dazu. Aber Glück kann man sich auch erarbeiten.
Mit meinem kleinen Label ONLY THE RAVE möchte ich für etwas stehen. Natürlich schauen wir auch nach links und rechts, aber wir verfolgen ein klares Konzept.
Am Ende lässt sich das ganz einfach zusammenfassen:
Gemeinsam sind wir stärker.
Wer diesen Weg mit uns gehen möchte, ist herzlich willkommen. Wer lieber seinen eigenen Weg gehen möchte, ist das genauso in Ordnung.
(c) ONLY THE RAVE
„Glück gehört dazu – aber Glück kann man sich erarbeiten.“
Ravepedia:
Du bist schon sehr lange Teil dieses Geschäfts und hast dabei nicht nur musikalische Verbindungen aufgebaut, sondern auch echte Freundschaften geschlossen. Ein gutes Beispiel ist deine Verbindung zu AXMO. Ihr arbeitet nicht nur musikalisch zusammen, sondern seid auch privat befreundet. Wie wichtig sind solche Freundschaften in dieser Branche für dich?
ZIGGY X:
Ich bin ein Romantiker.
Ich fand es schon vor 25 Jahren großartig, dass man durch das Auflegen so viele Menschen kennenlernen kann. Natürlich entstehen dabei viele Bekanntschaften, aber echte Freundschaften sind etwas anderes. Die sind deutlich seltener und dadurch umso wertvoller.
AXMO sind dafür das beste Beispiel. Ich sage den beiden das auch immer wieder: Ich feiere sie einfach für ihre Art. Sie sind trotz ihres Erfolgs komplett auf dem Boden geblieben. Und was heute fast noch wichtiger ist: Sie haben ihren eigenen Stil gefunden. Sie schauen nicht ständig nach rechts oder links und machen das, was gerade erfolgreich ist. Sie machen einfach ihr eigenes Ding.
Für mich sind sie das perfekte Beispiel für den Satz: Glück kann man sich erarbeiten. Sie haben sich ihren Erfolg absolut verdient.
Deshalb verbindet uns heute auch mehr als nur Musik. Wir reden längst nicht nur über Produktionen oder Auftritte. Das ist eine echte Freundschaft geworden. Und einen gemeinsamen Traum haben wir auch noch: Irgendwann wollen wir gemeinsam die Festivalbühnen rocken. Erst spielen AXMO und danach komme ich. Das wäre schon etwas ganz Besonderes.
Ravepedia:
Die Musikbranche besteht natürlich nicht nur aus Erfolgen. Du hast selbst erzählt, dass Bookings nicht immer selbstverständlich waren und es auch schwierigere Phasen gab. Was hat dir in diesen Momenten die Motivation gegeben, trotzdem weiterzumachen?
ZIGGY X:
Eigentlich wollte ich am Anfang gar kein DJ werden.
Ich habe damals einfach nur Platten gekauft, weil mir die D-Trance-Compilations aus den 90ern irgendwann zu soft wurden. Also bin ich nach Hamburg auf den Kiez gefahren, habe mir meine eigenen Schallplatten gekauft und daraus meine ganz persönliche Compilation zusammengestellt.
Ein DJ-Kollege hat mich dann irgendwann gefragt, ob er sich ein paar Platten ausleihen darf und er würde mich dafür beim DJing reinbringen. Eigentlich wollte ich das gar nicht. Irgendwann hieß es dann einfach: „ZIGGY, du legst heute auf.“
Und wenn ich etwas mache, dann richtig.
Deshalb ging alles ziemlich schnell. Nach kurzer Zeit war ich jedes Wochenende unterwegs und hatte mehrere Resident-Jobs im Norden Deutschlands.
Mit den Produktionen lief es ähnlich. Tracks wie Bassdusche, Geschwindigkeitsrausch oder später Thiz Rox wurden überall gespielt. Irgendwann kam aber auch der Erfolgsdruck. Diesen Druck habe ich mir vor allem selbst gemacht. Und genau darunter hat meine Kreativität gelitten. Dann kamen noch persönliche Rückschläge dazu und irgendwann war für mich klar: Jetzt ist Schluss.
2015 wollte ich tatsächlich komplett aufhören. Wenn meine Freundin damals nicht gewesen wäre, wäre meine Karriere wahrscheinlich wirklich beendet gewesen. Sie hat mich immer wieder motiviert weiterzumachen.
Gleichzeitig hat sich die komplette Musikbranche verändert. Social Media wurde plötzlich wichtiger als die Musik selbst. Früher war ich auf MySpace noch richtig aktiv, danach kamen Facebook und Instagram. Viele aus meiner Generation wollten diesen Weg nicht mitgehen. Entweder man passt sich an oder man bleibt irgendwann stehen.
Ich habe dann eine Zeit lang kaum noch stattgefunden.
Erst 2019, mit Summer Rave und dem schnelleren Sound, kam die Freude langsam zurück. Der Sound funktionierte plötzlich sehr gut auf Spotify und das hat mir wieder richtig Motivation gegeben. Seitdem ging es wieder bergauf.
Heute habe ich mit ZIGGY X bereits mein 65. Release in den vergangenen sieben Jahren. Die Musik funktioniert live, sie funktioniert im Streaming – mehr kann man sich als Künstler eigentlich kaum wünschen.
Ravepedia:
Du hast inzwischen mehrere Generationen der Hard-Dance-Szene miterlebt. Wenn du heute auf die Szene schaust: Worüber freust du dich besonders? Und gibt es Entwicklungen, bei denen du dir manchmal wünschst, dass wir uns wieder stärker auf die Werte von früher besinnen?
ZIGGY X:
Musikalisch wünsche ich mir tatsächlich manchmal wieder etwas mehr Zeit.
Früher war ein Track sechs oder sieben Minuten lang. Meine Bassdusche lief über sechseinhalb Minuten. Heute gibt es Songs, die nicht einmal zwei Minuten dauern. Das ist natürlich schade. Die Aufmerksamkeitsspanne ist heute viel kürzer geworden. Es muss ständig etwas passieren. Ich würde mir wünschen, dass Musik wieder mehr Raum bekommt, um sich zu entwickeln.
Deshalb veröffentliche ich auch heute noch richtige DJ-Versionen und nicht einfach nur eine verlängerte Intro-Version. Für mich gehört das einfach dazu.
Auf der anderen Seite hat sich natürlich auch vieles positiv entwickelt.
Früher hat man ein Demo verschickt und manchmal zwei Wochen auf eine Antwort gewartet. Heute geht vieles deutlich schneller. Das macht die Zusammenarbeit einfacher. Gleichzeitig zeigt das aber auch, wie schnelllebig unsere Zeit geworden ist. Ein Release ist manchmal genauso schnell wieder vergessen, wie er veröffentlicht wurde.
Was sich dagegen leider verändert hat: Früher stand die Musik stärker im Mittelpunkt. Heute spielt Social Media eine riesige Rolle. Manche Menschen kaufen sich Reichweite oder Follower und wirken dadurch erfolgreicher, als sie eigentlich sind. Damit gehe ich durchaus kritisch um.
Trotzdem versuche ich, mit der Zeit zu gehen.
Am Ende bleibt mein Ziel aber dasselbe wie früher:
Ich möchte mit meiner Musik die Raver berühren und auf eine Reise mitnehmen um den Alltag für einen Moment zu vergessen, mal etwas härter mal mehr Emotional.
Ravepedia:
Wenn wir einmal unabhängig von Chartplatzierungen, Festivalbühnen oder Streamingzahlen auf deine Karriere schauen: Was bedeutet persönlicher Erfolg für dich?
ZIGGY X:
Das kommt ganz darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet.
Du kannst auch als DJ erfolgreich sein, ohne eigene Musik zu produzieren. Wenn du es schaffst, die Menschen mit deinem Set mitzunehmen und ihnen eine gute Zeit zu geben, dann ist das für mich ebenfalls Erfolg. Dabei geht es gar nicht darum, eine Stunde lang nur Vollgas zu geben. Das wäre aus meiner Sicht sogar der falsche Weg. Irgendwann brauchen die Leute auch wieder Raum zum Atmen.
Als Produzent ist es natürlich ein besonderes Gefühl, wenn ich in einem 60-Minuten-Set 24 oder 26 eigene Tracks spiele und vielleicht nur zwei Songs von anderen Artists dabei sind. Und wenn ich dann sehe, wie die Menschen darauf reagieren und komplett mitgehen, dann denke ich mir: Okay, so viel falsch gemacht habe ich wohl nicht.
Ravepedia:
Wenn du deinem jüngeren Ich, das gerade seine ersten Schritte als DJ macht, einen einzigen Rat mit auf den Weg geben könntest – welcher wäre das?
ZIGGY X:
Puh…
Das ist tatsächlich eine schwierige Frage.
Ich glaube, ich würde meinem jüngeren Ich einfach den Rat mitgeben, den meine Oma mir früher immer gegeben hat:
„Schau, wem du traust.“
Ich glaube, das ist bis heute einer der wichtigsten Sätze, die ich mit auf meinen Weg bekommen habe.
(c) Only The Rave
„Freiheit – genau dieses Gefühl möchte ich mit meiner Musik vermitteln.“
Ravepedia:
Zum Abschluss noch unsere Ravepedia Signature Question. Stell dir vor, jemand hört deine Musik zum allerersten Mal – spät in der Nacht auf einer Tanzfläche, genau in dem Moment, in dem sich alles richtig anfühlt. Welches Gefühl soll dieser Mensch in diesem Augenblick erleben?
ZIGGY X:
Das ist gar nicht nur ein einziges Gefühl.
An erster Stelle wünsche ich mir, dass die Menschen Freiheit spüren. Genau das möchte ich mit meiner Musik vermitteln.
Außerdem sollen sie an sich selbst glauben.
Ich möchte gar nicht einfach sagen: „Das Leben ist schön.“ Aber ich glaube fest daran, dass das Leben schön sein kann. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Ich habe im Laufe der Jahre so viele Nachrichten von Menschen bekommen, die mir erzählt haben, dass ihnen meine Musik in schwierigen Zeiten geholfen hat.
Wenn meine Musik genau dieses Gefühl vermitteln kann – Hoffnung, Freiheit und den Glauben an sich selbst –, dann bedeutet mir das unglaublich viel.
Ravepedia:
Das ist ein wunderbares Schlusswort. Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg und freuen uns darauf, deinen Weg weiter zu begleiten.
ZIGGY X:
Vielen Dank.
Bis bald.
Übrigens: ZIGGY X hat vor kurzem zusammen mit Mental Theo seine neue Single „Shimmy Shake“ veröffentlicht. Die Review zum Track findest du hier